27.03.2026

EU-Australien: Mehr als ein Handelsabkommen

In der Nacht zum Dienstag dieser Woche haben Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Australiens Premierminister Anthony Albanese in Canberra den Abschluss eines umfassenden Freihandelsabkommens verkündet – und dabei gleich eine neue Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft mit aus der Taufe gehoben. Dass diese Einigung jetzt gelingt, ist die eigentliche Nachricht. Noch beim letzten ernsthaften Anlauf scheiterten die Verhandlungen an einem scheinbar absurden Detail: 112.000 australische Rinder, für die die EU keinen Markt öffnen wollte. Auch diesmal war die Landwirtschaft der Knackpunkt. Gut, dass sich beide Partner diesmal nicht an solchen Spielchen aufgehalten haben. Der Abschluss zeigt, dass wirtschaftliche Vernunft und strategisches Denken am Ende stärker sind als Partikularinteressen.

Was das Abkommen konkret bedeutet
Inhaltlich setzt der Deal neue Maßstäbe: Rund 98 Prozent der Zölle werden abgeschafft, Bürokratie für international tätige Unternehmen spürbar reduziert. Mit der gegenseitigen Anerkennung von Qualifikationen entsteht eines der ambitioniertesten Kapitel, das die EU je verhandelt hat. Europäische Unternehmen werden künftig unter gleichen Wettbewerbsbedingungen tätig sein wie Konkurrenten aus CPTPP-Staaten oder anderen Ländern, die bereits Handelsabkommen mit Australien unterhalten. Charakteristische regionale Lebensmittel- und Getränkeprodukte aus der EU werden zudem wirksam vor Nachahmungen geschützt.
Die wirtschaftlichen Effekte sind erheblich: Der Warenhandel könnte um bis zu 33 Prozent, der Dienstleistungshandel um bis zu 8 Prozent wachsen. Australien – die EU ist bereits sein drittgrößter Handelspartner – erwartet ein Plus von 3 bis 4,6 Milliarden Euro. Das aktuelle bilaterale Investitionsvolumen liegt bei rund 148 Milliarden Euro. 

Der eigentliche Schatz: Rohstoffe und Sicherheit. 
Hinter den Handelszahlen verbirgt sich eine strategische Agenda. Die EU hofft auf verlässlichen Zugang zu Rohstoffen, die für die Energiewende unabdingbar sind: Lithium, Kobalt, Seltene Erden, Wasserstoff. Australien ist der größte Lithium-Produzent der Welt und verfügt über die größten Kupferreserven. Eine bereits unterzeichnete Absichtserklärung zu kritischen Rohstoffen hat das Potenzial dieser Partnerschaft bereits angedeutet.
Ergänzt wird das Handelsabkommen durch eine neue Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft. Sie soll den Informationsaustausch stärken, gemeinsame maritime Projekte ermöglichen und die Kooperation in der Cybersicherheit ausbauen. Die EU stärkt damit ihre Präsenz in der indopazifischen Region – einer der dynamischsten Wirtschaftszonen der Welt – und setzt ihre strategische Ausrichtung konsequent fort.

Treiber Trump: Die EU baut ihr Handelsnetz aus
Das Australien-Abkommen ist kein Zufall und keine Einzelentscheidung. Es ist das dritte große Handelsabkommen der EU seit der Eskalation der US-Zölle unter Donald Trump – nach Mercosur und Indien. Die Botschaft ist unmissverständlich: Während Washington auf Abschottung setzt, sucht Brüssel die Öffnung.

Die neue EU-Handelsarchitektur:
Abgeschlossen: Mercosur, Indien, Australien
Unmittelbar bevorstehend: Neue Vereinbarung mit Mexiko
In Vorbereitung: Annäherung an den indopazifischen Handelsblock CPTPP – Australien und Neuseeland haben die EU als Partner eingeladen; auch Großbritannien ist dem Block kürzlich beigetreten
Agenda: Vorantreiben der Verhandlungen mit Malaysia, Thailand und den Philippinen

Ernüchternd bleibt allerdings der aktuelle Handelsumfang mit Australien in der Perspektive: 2025 gingen nur rund zehn Milliarden Euro der deutschen Ausfuhren dorthin – gerade einmal ein Prozent des Gesamtexports. In der Rangliste der deutschen Exportmärkte bedeutet das lediglich Rang 30, hinter Irland oder Norwegen. Der symbolische und strategische Wert des Abkommens übersteigt seinen unmittelbaren wirtschaftlichen Nutzen vorerst bei weitem. Erfahrungen aus anderen Abkommen belegen jedoch, dass die positiven Effekte mit der Zeit wachsen. Dies ist erst der Anfang einer Partnerschaft, die langfristig weit über Handelszahlen hinausweisen dürfte. 

Bei Anmerkungen und Fragen wenden Sie sich gerne an Marcus Schwenke (marcus.schwenke@bga.de).