Direkt aus Berlin

Wochennachrichten aus Politik und Wirtschaft | Ausgabe 11 | 2. Juni 2022

Thema der Woche

Es braucht schnelle Lösungen!

Der Krieg in der Ukraine hat nicht nur für die dortige Bevölkerung verheerende Auswirkungen. Er hat auch das Potential, in Ländern, die auf Agrarexporte aus der Ukraine und Russland angewiesen sind, eine humanitäre Katastrophe auszulösen. Beide Kriegsparteien sind für rund ein Viertel des weltweiten Getreideexportes zuständig.

Welche Bedeutung allein die Ukraine für den weltweiten Agrarhandel hat, wird anhand der folgenden Fakten verdeutlicht: Die Ukraine steht an der vierten Stelle der weltweit größten Maisexporteure und jeweils an der siebten Stelle der weltweit größten Exporteure von Sojabohnen und Weizen. Die ukrainische Ackerfläche allein ist so groß wie etwa ein Viertel der gesamten Ackerfläche der EU. Zudem ist die Ukraine einer der weltweit bedeutendsten Produzenten von Saatgut.

Zu Beginn des Krieges lagerten in der Ukraine ca. 25 bis 30 Millionen Tonnen an Getreide und Ölsaaten. Die Ausfuhr dieser am Weltmarkt dringend benötigten Mengen ist jedoch stark beeinträchtigt, da die russische Armee ukrainische Häfen blockiert und die Infrastruktur zwischen Luhansk und Lwiw gezielt angreift und zerstört. Die logistische Aufgabe wird zusätzlich dadurch erschwert, dass ukrainische Schienen breiter als europäische sind. Dies hat zur Folge, dass die Züge ab Polen umgehoben oder die Ware umgeladen werden muss, was weitere Zeit kostet. Darüber hinaus fehlen Zugmaschinen für Züge und LKWs. Zudem sind Schätzungen zufolge 100.000 Kraftfahrer in der Ukraine in die Armee eingezogen worden.

Unklar ist auch, welche Erträge die Ukraine angesichts der aktuellen Lage bei künftigen Ernten erwirtschaften kann, da ein Mangel an Saatgut, Dünge- und Pflanzenschutzmitteln sowie Arbeitskräften zu befürchten ist. So hat der Ukrainische AgriBusiness Club (UCAB) seine Prognose zur diesjährigen Getreide- und Ölsaatenernte basierend auf den unter Kriegsbedingungen erreichten Aussaatflächen für die im Frühjahr gesäte Ernte aktualisiert. Der Verband rechnet mit einer Getreideernte von insgesamt 50,4 Mio. t, was einen Rückgang von gut 40 Prozent zum Vorjahresergebnis bedeuten würde.

In Deutschland ist die Versorgung mit Lebensmitteln gesichert, allerdings werden die Lebensmittelpreise weiter hoch bleiben. Die deutsche Bevölkerung kann sich dies aber überwiegend leisten, sie hat bislang durchschnittlich rund 14 Prozent des Einkommens für Lebensmittel ausgegeben. In den Ländern, die auf Getreideexporte angewiesen sind, waren es hingegen 40 und mehr Prozent. Daher müssen für die genannten Probleme umgehend Lösungen gefunden werden, da anderenfalls mit durch Hunger ausgelösten sozialen Unruhen und Flüchtlingswellen zu rechnen ist.

Die Energieversorgung muss gewährleistet bleiben

Groß- und Außenhändler im Bereich der Agrar- und Ernährungswirtschaft benötigen Energie um etwa Getreide zu trocknen, Kaffee zu rösten oder frische Ware zu kühlen. Und sie benötigen Sprit, um Ware zu transportieren. Die Preise für Energie und Benzin waren schon vor dem Krieg hoch. Die Gefahr eines drohenden Gas- und Ölembargos durch Russland hat diesen Zustand weiter zugespitzt. Wie alle Betriebe in der Lebensmittellieferkette sind unsere Unternehmen daher auf Unterstützung angewiesen, um die Auswirkungen der steigenden Energiekosten abzufedern.  [Sebastian Werren]