Direkt aus Berlin

Wochennachrichten aus Politik und Wirtschaft | Ausgabe 16 | 11. August 2022

Außenwirtschaft

Weitere Störungen der Handelsbeziehungen sollten vermieden werden

Der kürzliche Besuch von Nancy Pelosi, der Vorsitzenden des US-Repräsentantenhauses, in Taiwan, zeigte nicht nur die US-amerikanische Bereitschaft zur Provokation auf, sondern das zugehörige mediale Echo rief auch die Bedeutsamkeit der Beziehungen zu beiden Handelspartnern – China und Taiwan – in Erinnerung.
In der momentanen Lage, in der sich gleich mehrere Krisen überlagern und die deutschen Unternehmen vor große Herausforderungen stellen, vermag sich niemand die Tragweite eines weiteren Konflikts zwischen China und Taiwan vorstellen. Nicht nur ist China seit Jahren Deutschlands wichtigster Handelspartner, auch Taiwans Produktion von Halbleitern ist für die deutsche Industrie von enormer Bedeutung. Allein von der Halbleiterproduktion in Taiwan, die rund 64 % des weltweiten Bedarfs abdeckt, sind zahlreiche Industriesektoren abhängig. Da Halbleiter heutzutage in nahezu jedes Elektronikprodukt – seien es Smartphones, Computer, Autos, Waschmaschinen oder medizinische Geräte – verbaut werden, wäre eine Zuspitzung des Konflikts mit den zu erwartenden Handelshindernissen eine weitere und folgenreiche Belastung für deutsche Unternehmen.

Mögliche Handelssanktionen gegenüber China und eine eingeschränkte oder gar unmögliche Nutzung der für die Schifffahrt so wichtigen Handelsroute durch die Straße von Taiwan hätten aufgrund der starken wirtschaftlichen Verpflichtung Deutschland zu seinen Handelspartnern im ostasiatischen Raum weitreichende Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft.

Angesichts der derzeitigen geopolitischen Instabilitäten wäre somit eine weitere Eskalation des Konflikts und eine Verschlechterung der Wirtschaftsbeziehungen zwischen zwei unserer nach wie vor wichtigsten Handelspartner – den USA und China – dringend zu vermeiden.
Die Ereignisse um Taiwan haben erneut aufgezeigt, wie wichtig es ist, Lieferketten zu diversifizieren und neue Beschaffungsmärkte zu erschließen. Hierfür fordern wir daher von der deutschen und europäischen Politik neue Handelsstrategien zu entwickeln und besonders den Freihandel mit unseren Wertepartnern im transatlantischen Raum, mit den Mercosur-Staaten, Indien und auch weiteren Ländern des ost- und süd-ost-asiatischen Raums zügig auszubauen und den Abschluss und auch die Ratifizierung weiterer Freihandelsabkommen voranzutreiben. Nur so kann es gelingen, sich von bestehenden Abhängigkeiten zu lösen, Lieferketten resilienter auszugestalten, um deutsche Unternehmen und die Wirtschaft als Gesamtes vor zukünftigen Krisen besser zu schützen.  [Stefan Benz]