2012 wurde das Import Promotion Desk (IPD) von der Entwicklungsorganisation sequa gGmbH undvom Bundesverband Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen e.V. (BGA) ins Leben gerufen. Seit zehn Jahren vernetzt das IPD kleine und mittelständische Unternehmen aus ausgewählten Entwicklungs- und Schwellenländern sehr erfolgreich mit europäischen Importeuren. Das 10-jährige Jubiläum der Initiative zur Importförderung ist ein guter Anlass, mit zwei Protagonisten – Dr. Julia Bellinghausen, Leiterin des IPD, und Gregor Wolf, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des BGA – über die Erfolgsgeschichte des IPD und seine Zukunftspläne zu sprechen.

Beginnen wir chronologisch. Lieber Herr Wolf, was war die Motivation des BGA gemeinsam mit der sequa das IPD ins Leben zu rufen?
Wolf: Für die deutsche Wirtschaft sind nicht nur die Exporte wichtig, sondern auch die Importe. Vor zehn Jahren standen wir mit dem Ruf nach Unterstützungsmöglichkeiten noch ziemlich alleine da. Die hohe Bedeutung der Importe ist nicht zuletzt in der Corona-Krise deutlich geworden, als Lieferketten unterbrochen und die Vernetzung sichtbar wurde. Der Aufbau von neuen diversifizierten, nachhaltigen Lieferbeziehungen ist dabei nicht trivial. Gerade für kleinere Unternehmen stellt die Diversifizierung eine Herausforderung dar.

Was ist am Konzept des IPD als Initiative zur Importförderung hervorzuheben? Was unterscheidet das IPD von anderen Angeboten auf dem Markt?
Wolf: Das zentrale Element des IPD ist, dass es sich um ein nachfragegetriebenes Projekt handelt. Am Anfang eines Engagements steht die Frage, ob es überhaupt einen Kunden für ein Produkt gibt. Andere Projekte sind in der Vergangenheit genau umgekehrt an die Sache herangegangen. Man förderte damals ein Produkt aus einem bestimmten Land und hat dann erst geschaut, ob es überhaupt eine Nachfrage gibt. Der zweite Erfolgsfaktor besteht darin, dass die IPD-Experten die Unternehmen und Lieferanten sorgfältig überprüfen und auswählen. Diese Filterfunktion erspart damit eine Unmenge an Gesprächen, die nicht erfolgsversprechend sind und spart damit Kosten.

Frau Dr. Bellinghausen, wie spiegelt sich die Gründung durch sequa und BGA im IPD wider? Wie profitiert das IPD von dieser Struktur?
Dr. Bellinghausen: Das IPD unterstützt sowohl kleine und mittelständische Unternehmen aus ausgewählten Entwicklungs- und Schwellenländern beim Zugang zum europäischen Markt als auch europäische Importunternehmen bei ihrer Suche nach neuen Beschaffungsmärkten. Und das sehr erfolgreich: Wir konnten bereits eine Vielzahl an Geschäftsabschlüssen anbahnen. Wir sind also Player sowohl in der Entwicklungszusammenarbeit als auch im Außenhandel. Dieses „sowohl als auch“ spiegelt sich in der Projektorganisation wider. In den vergangenen zehn Jahren hat sich gezeigt, dass sequa und BGA ein starkes Fundament bilden und wir durch unsere Verwurzelung in den beiden Organisationen von ihren Strukturen, Netzwerken und ihrem Knowhow profitieren. Auf diese Weise können wir unsere Aufgaben sowohl für die Anbieterseite in Entwicklungs- und Schwellenländern als auch für die Einkäuferseite in Europa optimal erfüllen.

Wie bringt sich das BGA in die strategische Ausrichtung des IPD ein?
Wolf: Der BGA ist die Schnittstelle zur Importwirtschaft. Den Produktschwerpunkten steht in der Regel ein Fachverband aus der BGA-Familie gegenüber. In diesen Fachverbänden sind nicht nur die relevanten Importeure organisiert, sondern eben auch die sektorspezifische Expertise. Der BGA steuert und koordiniert diesen Prozess und stellt mittels eines Fachbeirats sicher, dass die Interessen der Unternehmen gewahrt sind und privatwirtschaftliche Strukturen nicht durch ein öffentlich gefördertes Instrument ersetzt werden.

Blicken wir auf die vergangenen 10 Jahre zurück, welche Entwicklungen bzw. Veränderungen hat es in den vergangenen zehn Jahren gegeben?
Dr. Bellinghausen: Die letzten zehn Jahre sind vor allem durch Wachstum und Intensivierung unseres Engagements geprägt. Begonnen hat das IPD 2012 seine Arbeit in drei Partnerländern und drei Produktgruppen. Heute ist das IPD in 16 Partnerländern und fünf Sektoren aktiv. In der ersten Projektphase lag unser Schwerpunkt zunächst auf der Arbeit in den Partnerländern, in der zweiten Projektphase haben wir dann die Präsenz bei den Importeuren deutlich erhöht. In der dritten und vierten Projektphase haben wir weitere Partnerländer und Sektoren in unser Programm aufgenommen. Wir haben das IPD also kontinuierlich weiterentwickelt und auch in den Monaten, als die Covid-19-Pandemie die Reise- und Kontaktmöglichkeiten beschränkte, setzte das IPD sein Matchmaking in virtuellen Formaten fort. Unser Ansatz der Nachfrageorientierung ist, wie Herr Wolf bereits ausgeführt hat, aber über die Jahre unser Erfolgsrezept geblieben. Die IPD Experten prüfen anhand von Marktstudien und Nachfrageanalysen sehr genau, welche Produkte eine wachsende Bedeutung auf dem deutschen und europäischen Markt haben. So wird sichergestellt, dass die Unternehmen im IPD Programm langfristig Absätze auf dem Exportmarkt erzielen. Das ist die notwendige Basis, damit Unternehmen in ihre Produktionsanlagen und Entwicklungs- und Schwellenländer in den Aufbau von effizienten Wirtschaftsstrukturen investieren.

Ist in Zukunft weiteres Wachstum oder eine Intensivierung in den Ländern/Branchen in den nächsten Jahren geplant? Nach welchen Kriterien erfolgt die Ausweitung der Partnerländer und Produktgruppen?
Dr. Bellinghausen: Wir haben in diesem Jahr mit Kenia und Madagaskar zwei neue Partnerländer in das Programm aufgenommen. Zudem gibt es Partnerländer, in denen wir aktuell prüfen, unser Engagement auf weitere Sektoren auszuweiten. Interessant sind zum Beispiel Sektoren wie„Fish & Seafood“, „Home Textile & Home Decoration“ oder „IT Outsourcing“. Es wird also weitere Entwicklungen geben. Aber auch hier ist unser Ansatz der Nachfrageorientierung wichtig. Auf Fact Finding Missions untersuchen wir sehr sorgfältig das Potenzial in unseren jeweiligen Sektoren. Das umfasst das Produktsortiment einerseits, aber auch Qualitäts-, Zertifizierungs- und Logistikanforderungen. Ein weiteres wichtiges Kriterium sind die nationalen Strukturen der Exportförderung. Wir arbeiten in unseren Partnerländern mit den sogenannten Business Support Organisationen (BSO) zusammen, um das Angebot zur Exportförderung weiterzuentwickeln und nachhaltige Strukturen in den Partnerländern aufzubauen.
Wie sehen Ihre Mitglieder das Engagement des BGA beim IPD?
Wolf: Die Resonanz der beteiligten Verbände und Unternehmens ist überwältigend positiv. Das IPD stellt eine unglaubliche Erfolgsgeschichte dar und wir danken dem BMZ, dass es bereit war, diesen Weg der Förderung von Importen aus Entwicklungsländern auf diese Art zu ermöglichen. Die Mitarbeiter des IPD-Teams machen dabei einen großartigen Job und ich möchte ihnen für ihren Einsatz herzlich danken. Danken möchte ich aber insbesondere auch der Leiterin des IPD. Dr. Julia Bellinghausen, die mit großem Engagement und Umsicht das IPD zu dem gemacht hat, was es heute ist.

Frau Dr. Bellinghausen, was schätzen Sie an der Zusammenarbeit mit dem BGA und den Branchenverbänden?
Dr. Bellinghausen: Das Knowhow des BGA und der Branchenverbänden ist für uns von unschätzbarem Wert. Mit Blick auf unseren Ansatz der Nachfrageorientierung unterstützen uns die Verbände mit ihrer Expertise, welche Produkte eine wachsende Bedeutung auf dem deutschen und europäischen Markt haben. Aber auch darüber hinaus geben sie uns Hinweise zu aktuellen Marktanforderungen und Erwartungen der Importwirtschaft, die wir an die Produzenten aus unseren Partnerländern weitergeben, damit sie sich optimal auf den EU-Markt vorbereiten können. Zudem unterstützen uns BGA und seine Mitgliedsverbände dabei, die kostenfreien Services des IPD bekannter zu machen. Diese Empfehlungen freuen uns sehr, da eine größere Bekanntheit direkt auf unser Matchmaking einzahlt.

Welche Herausforderungen sehen Sie aktuell für den Außenhandel und welche Antworten kann das IPD geben?
Wolf: Als große Herausforderung sehe ich es, die Unternehmen aus den Entwicklungsländern in den globalen Lieferketten zu halten. Denn die Anforderungen, sei es aus Deutschland oder der EU werden immer anspruchsvoller und gleichzeitig sinkt angesichts der Inflation die Bereitschaft und Möglichkeit der Kunden, die notwendigen Preise für nachhaltige Produkte zu bezahlen. Gerade das IPD kann hier unterstützen, um die Exportunternehmen in den Entwicklungsländern zu befähigen, die Nachhaltigkeitsanforderungen zu erfüllen.

Welche Herausforderungen sehen Sie für das IPD in den nächsten Jahren?
Dr. Bellinghausen: Die aktuelle Entwicklung auf den Märkten zeigt die Bedeutung eines diversifizierten Beschaffungsmanagements. Gerade Entwicklungs- und Schwellenländer können interessante Alternativmärkte sein, um Lieferengpässen entgegenzuwirken. Das IPD unterstützt europäische Unternehmen dabei, ihr eigenes Handelsnetzwerk auszubauen, zusätzlich zu bestehenden Lieferanten neue Partner aufzunehmen und eine Risikostreuung vorzunehmen. Zugleich steigen die Anforderungen auf dem EU-Markt, wie Herr Wolf ausgeführt hat. Hier sind neben dem veränderten Konsumverhalten und der Nachfrage zu mehr nachhaltigen Produkten vor allem gesetzliche Bestimmungen, wie z.B. in Deutschland das Lieferkettengesetz, zu nennen. Hier kann das Sourcing des IPD die europäischen Importeure unterstützen, da wir bei der Vorauswahl auf kurze und damit transparente Lieferketten achten und viele Unternehmen im IPD Programm bereits in Bio-Zertifizierung und andere Standards investieren. Wir können also bereits viele Lösungen anbieten, jedoch eine Herausforderung bleibt, die wir nicht beeinflussen können: das Konsumklima.