Der folgende Text erschien zuerst als Interview in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 24.7.2022:

Alexander Wulfers:  Herr Jandura, Sie führen einen Elektrogroßhandel. Machen Ihrem Unternehmen die Lieferkettenprobleme immer noch zu schaffen?
Dr. Dirk Jandura:  Definitiv ja. Unser Lager ist prall gefüllt, nur fehlen leider einige wichtige Artikel. Und das geht nicht nur uns so, sondern dem gesamten Groß- und Außenhandel. Es gibt immer noch Probleme zum Beispiel mit Halbleitern- und inzwischen steckt ja in jedem Produkt ein Halbleiter, selbst in denen, denen man das gar nicht ansieht, zum Beispiel in einigen Leuchten. Die Engpässe betreffen nicht mehr das Sortiment in der Breite. Aber es geht zum Teil auch um ganz kleine Sachen.

Zum Beispiel?
Es fehlen Klemmen, um Kabel in Verteilerkästen anzuschließen. Wenn Sie diese Klemmen nicht haben, gibt es keinen Strom im Haus. Das bedeutet, der Elektriker kann keine Schlussrechnung ausstellen. Das sorgt in der Wertschöpfungskette für eine gewisse finanzielle, Anspannung. Wir hören von unseren Kunden immer mehr, dass sie Projekte gar nicht mehr annehmen, wenn sie absehen können, dass sie die nicht abrechnen können, weil einzelne Produkte fehlen. Fehlerstrom-Schutzschalter sind ein anderes, aber in Bezug auf die Auswirkungen ganz ähnliches Beispiel. Die sind im Moment wie Goldstaub.

Sind Sie den Weltmärkten schutzlos ausgeliefert? Oder können Sie etwas gegen die Engpässe tun?
Wir empfehlen, Artikel zu ersetzen und so nach Möglichkeit Engpässe auszugleichen. Alle Großhändler überprüfen ihre Lieferketten. Man muss aber auch ehrlich sagen: Wenn es für ein spezielles Produkt einen Marktführer gibt mit einem Marktanteil von 5o Prozent, und andere Anbieter haben nur 10 oder 15 Prozent, dann können diese den Ausfall des Marktführers nicht ausgleichen. Wir müssen hier aber auch auf den Markt vertrauen, dass sich viele Dinge von selbst einpendeln werden.

Welche Ausweichmöglichkeiten bieten internationale Lieferketten?
Da sind wir als Händler sehr stark an den Lieferanten gebunden, und der sucht sich
natürlich andere Bezugsquellen. Aber Sie können nicht einfach davon ausgehen, dass die Produkte morgen von jemand anderem geliefert werden. Die ganze Lieferkette greift stark ineinander. Das in der geforderten Qualität kurzfristig hinzubekommen, ist nicht einfach. Die Anreize sind ganz klar da: Die Preise steigen, das hat eine Signalwirkung- Aber diese Anpassung kostet einfach Zeit. Die Containerpreise fallen nun schon seit einigen Monaten.

Ist das Schlimmste überstanden?
Im Januar 2020 kostete ein 40- Tonnen-Container von Schanghai nach Rotterdam noch 2000 Dollar. Im Januar 2022, also vor dem Krieg in der Ukraine, waren wir bei 14 000 Dollar. Jetzt sind wir bei 9000 Dollar. Das schwankt sehr stark. Ich habe vor einem Jahr gesagt, bis Ende 2021 ist das erledigt. Heute muss ich sagen: Ich denke wieder eher in Zwölf-Monats-Horizonten. Die Seefracht ist inzwischen gar nicht mehr so stark betroffen. Aber die Luftfracht, der Bahn- und der Lkw-Verkehr sind durch den Ukrainekrieg beeinträchtigt. Zum Beispiel mussten wegen des Kriegs die Flugrouten angepasst werden. Flugzeuge brauchen jetzt mehr Kerosin. Das ist alles noch nicht vorbei, diese Probleme haben wir immer noch in den Lieferketten drin.

Ist der Ukrainekrieg der wichtigste Faktor? Oder spielen die Folgen der Pandemie noch eine große Rolle?
Der Krieg ist nur die Spitze des Eisbergs. Unser Land ist im Moment in einer Situation, in der wir noch nie waren. Es laufen ja zurzeit mehrere Krisen zusammen. Die Entwicklung der Energiepreise ist ein großes Drama. Wir haben zusätzlich die Inflation, die Lieferketten, den Fachkräftemangel, die schlechte Infrastruktur, die steigende Verschuldung. Dann haben wir noch den Klimawandel vor der Brust und den digitalen Strukturwandel. Viele dieser Probleme waren allerdings schon vor dem Krieg da. Der Krieg ist nur Katalysator, der die Entwicklung beschleunigt. Die Großhandelspreise sind schon im letzten Jahr dramatisch angestiegen. Das hat nur keiner gesehen, weil es sich noch nicht in den Verbraucherpreisen widergespiegelt hat. Für einige Produkte spielt der Krieg aber eine entscheidende Rolle. Der Krieg hat gerade bei den Agrargroßhändlern für große Anspannung gesorgt. Das Getreide kommt aus der Ukraine nicht in den Mengen raus, wie man es eigentlich brauchte. Da liegen mehr als 20 Millionen Tonnen in Odessa. Das ist ein Riesenthema für die Versorgung in Nordafrika. Sie kriegen im Moment nur 2 Millionen Tonnen im Monat raus, was an sich schon eine großartige Leistung ist. Das Getreide kommt jetzt per Eisenbahn statt mit dem Schiff. Dafür müssen Sie erst mal das Problem der unterschiedlichen Spurweiten lösen. Dann ist die Zollabfertigung ein Thema. Dann hat die Bahn nicht die benötigten Waggons in ausreichender Zahl. Das muss alles organisiert werden. Ich habe aber den Eindruck, dass sowohl bei der Bahn als auch in der Bundesregierung hier etwas passiert.

Manchmal ist zu hören, die Inflation stecke zum Teil noch in den Lieferketten. Heißt das, die schlimmsten Preissteigerungen kommen noch?
Die Inflation insgesamt ist für Unternehmen und Gesellschaft ein gewaltiges Thema. Ich habe den Eindruck, nicht alle Preissteigerungen sind heute bereits bemerkbar. Bei Baustoffen, Stahl, Werkzeug, Maschinen sind sie deutlich schneller und direkter durchgegangen. Da bemerken wir im Moment real schon eine gewisse Abkühlung. Die Warenbewegungen gehen zurück. Im Konsumgüterbereich dagegen vollzieht sich die Übertragung der Preissteigerungen deutlich langsamer.

Engpässe gibt es nicht nur bei Gütern. Der Personalmangel macht sich im Moment in vielen Wirtschaftszweigen bemerkbar. Fehlen Ihnen auch Angestellte?
Ja, das trifft auf alle Groß- und Außenhändler zu. Allein wir im Unternehmen haben im Moment etwa 60 bis 80 offene Stellen bei knapp 1000 Mitarbeitern. Wir suchen Leute im Vertrieb, in der Softwareentwicklung, in der Personalabteilung, in der Buchhaltung, in der Logistik, also wirklich quer durch das Unternehmen. Es ist extrem schwierig.

Was tun Sie, um Personal zu bekommen?
Wir haben mit einigen alten Dingen aufgeräumt. Dass wir mobiles Arbeiten anbieten, ist heute selbstverständlich. Aber wir haben zum Beispiel auch die Arbeitssprache in der Softwareentwicklung von Deutsch auf Englisch umgestellt. Das war vorher undenkbar für uns als mittelständisches Unternehmen.

Wie kommen Ihre deutschen Mitarbeiter damit klar?
Das ist für viele schwierig, aber sie bekommen das hin. Ich habe nicht den Eindruck, dass es irgendjemanden hemmt. Inzwischen bekommen wir Bewerbungen aus der ganzen Welt, auch aus so entfernten Ländern wie Bangladesch. Warum soll es nicht in Zukunft möglich sein, einen Entwickler beispielsweise in Indien zu beschäftigen, der von dort aus seine Arbeit für uns macht?

Brauchen wir mehr Migration?
Wir brauchen definitiv mehr Fachkräfte. Wenn unsere Wirtschaft weiter wachsen
soll, müssen wir gucken, dass wir die nötigen Produktionsfaktoren haben, also: Arbeit und Kapital. Insofern müssen wir auf Migration setzen. Da könnte die Bundesregierung mehr tun. Ich habe darüber bei zahlreichen Terminen mit Regierungsvertretern gesprochen. Daher ist es gut, dass in diesen Tagen Bewegung in die Sache kommt. Kanada macht es doch vor. Warum sollen wir nicht ganz gezielt Leute anwerben und denen auch den Einstieg in Deutschland
attraktiv machen?

Was tun Sie sonst noch gegen den Personalmangel?
Viele Unternehmen, das gilt auch für uns, machen sich Gedanken, wie sie ihre Attraktivität erhöhen können. Das geht von der technischen Ausstattung bis hin zu Arbeitszeit und Arbeitsort. Auch mit
Dienstleistern und Freiberuflern gestaltet sich die Zusammenarbeit heute viel flexibler als früher. Wo wir vorher Wert auf einen Arbeitsvertrag gelegt hätten, sagen wir inzwischen: Hauptsache, wir kriegen die Arbeit erledigt. Ich hoffe auch, dass die Bundesregierung das versteht und nicht versucht, die Arbeitswelt der Siebzigerjahre zu konservieren. Die moderne Arbeitswelt ist eine andere.

Was meinen Sie damit?
Zum Beispiel sind die Homeoffice-Regelungen viel zu restriktiv. Wir brauchen keinen gesetzlichen Anspruch und keine starren Regeln für mobile Arbeit. Das können wir in der Praxis auf betrieblicher Ebene besser lösen. Die Corona-Zeit hat bewiesen, dass wir dazu kein Gesetz brauchen. Inzwischen leben wir in einer Welt, in der Arbeitgeber und Mitarbeiter auf Augenhöhe miteinander sprechen. In Zeiten des massiven Fachkräftemangels verändert sich das Verhältnis zwischen den Unternehmen und ihren Beschäftigten von ganz allein. Die Regierungskoalition versteht nicht, dass die Probleme ganz andere sind als die, die sie zu lösen versucht.


Haben Sie noch ein Beispiel?
Mehr Flexibilität hat auch etwas mit Arbeitszeit zu tun. Warum soll nicht jemand mal an einem Tag zehn Stunden arbeiten und am nächsten Tag entsprechend weniger, wenn das so besser in die persönliche und betriebliche Planung passt? Wir schnüren da ein sehr enges Korsett in Deutschland beziehungsweise in Europa, Das gilt auch für den Stundennachweis. Ich bin absoluter Fan von Vertrauensarbeitszeit. Ich will meinen Leuten gar nicht jede Minute hinterherschauen müssen.

Der Bundesverband der Deutschen Industrie hat vor Kurzem vorgeschlagen, die Wochenarbeitszeit zu
verlängern, um dem Personalmangel entgegenzuwirken. Finden Sie das praktikabel?

Wir haben nicht nur einen Arbeitskräftemangel, sondern auch einen Arbeitsvolumenmangel. Wir müssen alles daransetzen, so viele Anreize wie möglich für Arbeit zu schaffen. Deshalb halte ich viele der zuletzt und aktuell diskutierten Maßnahmen für kontraproduktiv. Wir finanzieren mit Steuermitteln immer mehr die Vereinbarkeit von Privatleben und Beruf und wundern uns dann, dass immer weniger Leute Vollzeit arbeiten wollen. Die Work-Life-Balance steht stärker im Vordergrund als je zuvor. Dem muss ich mich als Arbeitgeber stellen. Die Leute sollen individuelle Arbeitszeiten haben. Ich persönlich finde: Wenn es mit der Kinderbetreuung nicht anders geht, kann die Arbeit auch nachts von zehn bis zwölf erledigt werden, sofern die Mitarbeiter das wollen. Ich setze da auf Flexibilität, Als Arbeitgeber habe ich ja auch gar keine andere Wahl. Sonst kriege ich niemanden mehr.