Wirtschaftlichkeit und Wahlfreiheit als Maßstab für Innovation und Transformation
Walldorf/Köln, 06.10.2026 – Unternehmen und Organisationen müssen ihre Transformation in einem zunehmend komplexen, dynamischen und von Unsicherheiten geprägten Umfeld gestalten. Vielerorts sind parallel S/4HANA-, Cloud-, KI- oder Modernisierungsprojekte zu stemmen. Der 27. Jahreskongress der Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe e. V. (DSAG) vom 06. bis 08. Oktober 2026 in Köln steht daher unter dem Motto „Claim Your Ground. Lead Your Business.“ Im Zentrum steht die Frage, wie Anwenderunternehmen in Zeiten kontinuierlicher Transformation ihren Kurs, ihr Tempo und ihre Prioritäten selbst bestimmen können – und welchen Beitrag sie, SAP und Partner dazu leisten müssen.
Das Kongressmotto verbindet technologische Visionen mit einem realistischen Blick auf die konkreten Herausforderungen und Chancen der Anwenderunternehmen. „Es geht um Einordnung statt Euphorie, Nutzenbewertung statt Schlagworten und Problemlösungen statt blindem Aktionismus. Unternehmen müssen ihren Gestaltungs- und Handlungsspielraum bewusst definieren und Investitionen gezielt ausrichten“, sagt Jens Hungershausen, DSAG-Vorstandsvorsitzender.
Den eigenen Claim abstecken
Umfangreiche regulatorische Anforderungen, disruptive Technologien und geopolitische Unsicherheiten erhöhen den Druck auf Anwenderunternehmen. Gleichzeitig müssen sie S/4HANA-Migrationen, Cloud-Projekte, neue KI-Anwendungen und die Modernisierung gewachsener Systemlandschaften bewältigen. Der DSAG-2026 Investitionsreport bestätigt, dass Investitionen deshalb kritischer geprüft und gezielter getätigt werden. Die zugrundeliegende Befragung fand im Januar 2026 statt. Die späteren Ankündigungen bei der SAP Sapphire zu neuen Assistants, zur Plattform und zu Joule Work konnten darin noch nicht berücksichtigt werden. Aus DSAG-Sicht weist die SAP-Vision in die richtige Richtung; ihre Umsetzung muss sich jedoch erst im Kundenalltag beweisen.
„Investitionsentscheidungen dürfen sich nicht allein an Visionen und angekündigten Zielbildern orientieren. Entscheidend sind Umsetzbarkeit, Wirtschaftlichkeit, Integrationsfähigkeit und ein nachweisbarer Nutzen für das jeweilige Geschäftsmodell“, sagt Hungershausen. Transparente Roadmaps, nachvollziehbare Meilensteine und verlässliche Planungssicherheit sind essenziell. Verschieben sich Roadmaps oder bleiben Zielbilder ohne klaren Endpunkt, müssen Unternehmen ihre Transformationsstrategie anpassen können, ohne dabei ihre Handlungsfähigkeit zu verlieren.
S/4HANA und Betriebsmodelle
Dieses Spannungsfeld zeigt sich besonders deutlich bei der S/4HANA-Transformation. Das Ende der SAP-ECC-Standardwartung zum 31. Dezember 2027 erhöht den Druck zu migrieren. Die Transformation erfordert erhebliche Investitionen. Entscheidend ist daher, dass diesen ein klar nachvollziehbarer geschäftlicher Mehrwert gegenübersteht und sie langfristig zu Innovation, Prozessharmonisierung und digitaler Wettbewerbsfähigkeit beitragen.
Zugleich zeigt der Investitionsreport, dass On-Premises und hybride Architekturen weiterhin eine zentrale Rolle spielen: 56 Prozent der Befragten setzen S/4HANA On-Premises ein, 42 Prozent planen für 2026 hohe oder mittlere Investitionen in dieses Betriebsmodell. SAP bietet mit Public und Private Cloud unterschiedliche Betriebsmodelle an. Welches Modell geeignet ist, hängt jedoch von der jeweiligen Ausgangslage, der Komplexität der Systemlandschaft sowie den wirtschaftlichen und strategischen Anforderungen eines Unternehmens ab. Die von SAP favorisierte Public Cloud spielt in der DACH-Region aktuell laut DSAG-Investitionsreport noch eine untergeordnete Rolle. „Cloud ist die Zukunft. Klar ist aber auch, dass jedes Unternehmen seinen Weg zu S/4HANA selbst bestimmen muss. SAP muss akzeptieren, dass On-Premises und hybride Architekturen die aktuelle Realität sind“, so Hungershausen.
Verschiedene Wege für unterschiedliche Ausgangslagen
„Ein pauschales Vorgehen wird weder gewachsenen Systemlandschaften noch branchenspezifischen, regulatorischen und wirtschaftlichen Anforderungen gerecht“, sagt Hungershausen und ergänzt: „Unternehmen müssen ihre Transformation in realistischen Etappen planen und passende Übergangsszenarien für ihre jeweilige Ausgangslage entwickeln. Dafür braucht es sowohl strategische Klarheit auf Kundenseite als auch verlässliche Roadmaps und flexible Angebote von SAP.“
Wesentliche Innovationen müssen deshalb auch für S/4HANA-On-Premises-Kunden verfügbar sein und dürfen nicht ausschließlich an kommerzielle Cloud-Verträge gebunden werden. Die bei der SAP Sapphire 2026 angekündigte Bereitstellung ausgewählter und technisch umsetzbarer KI-Szenarien für SAP-ECC- beziehungsweise S/4HANA-On-Premises-Kunden im Rahmen von RISE with SAP oder GROW with SAP kann dabei nur ein erster Schritt sein. Vor dem Hintergrund der Wartungszusage von SAP für S/4HANA bis 2040 muss der Schutz bereits getätigter Investitionen gewährleistet werden. „Unternehmen müssen nachvollziehen können, welche Funktionen in welchem Betriebsmodell verfügbar sind, welche Abhängigkeiten entstehen und wie sich Kosten über den gesamten Transformationszeitraum entwickeln“, fordert Hungershausen.
Investitionen in Migration und Modernization Assistants
Positiv bewertet die DSAG die Investitionen von SAP in die Migration und Modernization Assistants. Sie sollen den Wechsel von SAP ECC auf S/4HANA sowie Versions-Upgrades innerhalb von S/4HANA erleichtern und die Transformation kostengünstiger machen. Für eine belastbare Bewertung fehlen bislang jedoch noch Kundenberichte. Zentral ist es aus DSAG-Sicht, dass SAP die Assistants möglichst kostengünstig und ohne zwingende Voraussetzungen wie den Einsatz von Signavio oder Tricentis anbieten, sie zügig in die Projekte bringt und tatsächlich Einsparungen erreicht werden.
KI zwischen Goldrausch und Realität
Künstliche Intelligenz ist bei SAP als strategisches Thema gesetzt. Mit „Autonomous Enterprise“ wurde bei der SAP Sapphire eine Vision vorgestellt, nach der Geschäftsprozesse über intelligente Agenten weitgehend selbstständig gesteuert werden sollen. Wie der Software-Hersteller diese Vision konkret in die Realität umsetzen will, hat er erst am heutigen Dienstag, 06. Oktober 2026, in einer Pressemitteilung kommuniziert. „Die Technologie dafür ist vorhanden. Zwischen Vision, verfügbaren Lösungen und tatsächlichem Kundennutzen besteht jedoch noch eine Lücke“, sagt Hungershausen. Für Anwenderunternehmen ist daher nicht entscheidend, wie groß das nächste Innovationsversprechen ausfällt, sondern welche Lösungen sich produktiv, sicher und wirtschaftlich einsetzen lassen. „KI-, GenAI- und Automatisierungslösungen müssen sich daran messen lassen, ob sie belastbare Anwendungsfälle unterstützen, Geschäftsprozesse tatsächlich verbessern und sich ohne unverhältnismäßigen Aufwand in bestehende SAP- und Non-SAP-Landschaften integrieren lassen“, sagt der DSAG-Vorstandsvorsitzende.
Noch wird KI in den befragten Unternehmen und Organisationen nicht flächendeckend eingesetzt. Laut Investitionsreport hatten zum Zeitpunkt der Umfrage im Januar 43 Prozent der Befragten KI-Use-Cases umgesetzt. Der überwiegende Teil davon basiert auf Non-SAP-Lösungen. Für weitere Investitionsentscheidungen benötigen Unternehmen Klarheit darüber, welche SAP-Lösungen verfügbar sind, welchen Reifegrad sie erreicht haben und unter welchen Voraussetzungen sie produktiv eingesetzt werden können. „Bei aller technologischen Dynamik braucht es einen sorgfältigen Abgleich mit der betrieblichen Realität. Produktreife, Integrationsfähigkeit, Erklärbarkeit, Governance, Sicherheit und wirtschaftliche Tragfähigkeit müssen bewertet werden“, fasst Hungershausen zusammen.
Das gilt auch für Joule Work und Joule Work Desktop. Aus DSAG-Sicht sind die angekündigten Joule-Ansätze interessant. „Belastbare Kundenerfahrungen zu Joule Work und Joule Work Desktop fehlen jedoch bislang“, so Hungershausen. SAP sollte die Unterschiede zwischen den heutigen und den angekündigten Joule-Angeboten sowie deren Verfügbarkeit und Voraussetzungen für den Einsatz verständlicher erklären – das könnte die Akzeptanz bei den Anwenderunternehmen steigern.
KI braucht verlässliche Rahmenbedingungen
KI ist aus Sicht der DSAG eine zentrale Zukunftstechnologie mit großem Potenzial für die gesamte Wertschöpfungskette. Um dieses Potenzial ausschöpfen zu können, muss die Nutzung von KI auch in bestehenden SAP-Landschaften einfacher werden. Damit KI-Investitionen planbar und in bestehende Architekturen integrierbar sind, braucht es eine verlässliche Anbieterstrategie und klare vertragliche Regelungen. Dies betrifft insbesondere den Datenzugriff über APIs, Nutzungs- und Zugriffsrechte, Governance sowie Kosten. Bei Schnittstellen für End-to-End-Prozesse, Partnerlösungen und KI-Szenarien darf es keine Grauzonen geben.
Mit den veröffentlichten Referenzarchitekturen für den KI-Zugriff hat SAP wichtige Grundlagen geschaffen. Laut SAP können sie Unternehmen dabei unterstützen, Governance-Anforderungen zu berücksichtigen sowie Systemstabilität, Datensicherheit und Datenintegrität abzusichern. Entscheidend ist aus DSAG-Sicht, dass diese technische Orientierung durch transparente und dauerhaft verlässliche Regelungen zu Kosten, Nutzungsrechten und Verantwortlichkeiten ergänzt wird.
Datenqualität ist für KI fundamental
Zugleich ist eine verlässliche Datenbasis notwendig. Qualitativ schlechte Daten können dazu beitragen, dass KI-Projekte hinter den Erwartungen zurückbleiben oder scheitern. „KI entfaltet ihren Nutzen erst, wenn Datenqualität, Prozessverständnis, Integration und klare Governance-Regeln zusammenspielen und eine tragfähige Grundlage schaffen. Hier stehen auch die Anwenderunternehmen in der Verantwortung“, sagt Hungershausen. Sie müssen ihre Datenbasis, Prozesse, Verantwortlichkeiten und Zielarchitekturen aktiv gestalten.
Vor diesem Hintergrund baut SAP sein Portfolio aus, unter anderem mit den Übernahmen von Prior Labs, Dremio und Reltio. SAP verbindet diese Investitionen mit der Vision des „Autonomous Enterprise“. Damit daraus nachhaltiger Mehrwert entsteht, müssen den Ankündigungen ausgereifte Lösungen mit klaren, belastbaren Roadmaps folgen. Es braucht Transparenz über technische und wirtschaftliche Abhängigkeiten, den Umsetzungsaufwand und die Lizenzmodelle. Die Lösungen müssen die Komplexität der Systemlandschaften verringern, statt sie weiter zu erhöhen.
Komplexität ist (noch) Normalität
Komplexe Systemlandschaften führen in der Regel zu höheren Kosten, etwa durch wachsende Betriebs- und Testaufwände, geringere Flexibilität und Reaktionsfähigkeit, Abhängigkeit von Know-how-Träger:innen oder auch Sicherheitsrisiken durch komplexe Angriffsflächen. Hinzu kommen komplexere Lizenzmodelle und ein aufwendigeres Datenmanagement. „Ein harmonisiertes Portfolio, das klaren Integrations- und Architekturprinzipien folgt, ist daher zentral. Hierfür hat SAP mit der AI-North-Star-Architektur und den Suite-Qualitäten eine gute Basis geschaffen“, sagt Hungershausen.
Neue Regeln auf dem Trail: Verantwortung im Ökosystem klar definieren
Unternehmen und Organisationen müssen sich auf SAP verlassen können. Die Erwartung an SAP ist, dass der Software-Hersteller dabei unterstützt, die Komplexität transparent und beherrschbar zu machen. Das gilt auch für komplexe Transformationsprojekte. Gleichzeitig muss das Rollenverständnis im SAP-Ökosystem präziser werden. „Es reicht nicht aus, wechselseitig Erwartungen zu formulieren. Es muss klar sein, wofür Anwenderunternehmen selbst Verantwortung tragen, was SAP liefert und welchen Beitrag Partner bei Umsetzung und Integration sowie für den Betrieb leisten“, so Hungershausen. SAP muss verlässliche, wirtschaftlich nachvollziehbare und integrierbare Angebote bereitstellen. Partner müssen Umsetzbarkeit, Integration und Betrieb absichern. Anwenderunternehmen wiederum müssen ihre Prioritäten, Datenbasis, Prozesse und Zielarchitekturen aktiv gestalten.
Transformation als kontinuierlicher Prozess
Bereits heute laufen in Unternehmen häufig mehrere Projekte parallel, während der stabile Betrieb der eingesetzten SAP-Systeme sichergestellt werden muss. Die SAP-Vision des „Autonomous Enterprise“ wird für viele mit weiteren Transformationsschritten verbunden sein. Um Unternehmen dabei nicht zu überfordern, braucht es verlässliche Produkt- und Transformationspfade von SAP, realistische Erwartungen an die Adaptions-Geschwindigkeit der Unternehmen sowie eine bessere Integration über System- und Unternehmensgrenzen hinweg. Nur so kann das von Christian Klein beim DSAG-Jahreskongress 2023 formulierte Versprechen eingelöst werden, dass kein Kunde zurückgelassen wird.
DSAG-Pressemitteilung (Auszug) vom 6.Oktober 2026
