Erfolgreiches Sourcing braucht den Perspektivwechsel
Für importierende Unternehmen ist Diversifizierung längst eine Notwendigkeit: Zölle, Sanktionen und gestörte Lieferwege haben gezeigt, wie wichtig verlässliche Bezugsquellen sind. Wie lassen sich neue Lieferanten erschließen, ohne bei Qualität und Nachhaltigkeit Abstriche zu machen?
Marcus Schwenke (BGA) und Dr. Julia Bellinghausen, Leiterin des Import Promotion Desk (IPD), sprechen über den Wert direkter Lieferbeziehungen, über Nachfrageorientierung und darüber, wie Importeure und Exporteure gleichermaßen profitieren.
Das IPD ist eine Initiative des BGA und der sequa und wird vom BMZ gefördert.
Welche Bedeutung hat die Importwirtschaft für deutsche Unternehmen?
Marcus Schwenke: Deutschland ist wie kaum ein anderes Land auf einen offenen und verlässlichen Außenhandel angewiesen. Dabei wird die Bedeutung der Importwirtschaft häufig unterschätzt. Importe sichern die Versorgung der Bevölkerung, ermöglichen industrielle Produktion und sind eine wesentliche Voraussetzung für die ökologische und technologische Transformation unserer Wirtschaft.
Wie eng die deutsche Produktion mit internationalen Lieferketten verbunden ist, zeigen die OECD-Zahlen zur Wertschöpfung im Außenhandel. Danach stammen 25,9 Prozent des Wertes deutscher Exporte aus ausländischer Wertschöpfung. Gut jeder vierte Export-Euro beruht somit auf zuvor importierten Vorleistungen, Komponenten oder Dienstleistungen.
Welche Bedeutung hat der Außenhandel für Entwicklungs- und Schwellenländer?
Dr. Julia Bellinghausen: Für viele Produzenten und Dienstleister in Entwicklungs- und Schwellenländern bietet der Außenhandel große Chancen. Die Integration in den globalen Handel schafft zusätzliche spannende Absatzmärkte, Einnahmen und somit Möglichkeiten für Investitionen in das Unternehmen und in die Region. Auch die Diversifizierung von Käufern und Märkten ist für Exporteure relevant, um weniger abhängig von einzelnen Märkten und Händlern zu sein.
Zudem versucht das IPD als Projekt des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung möglichst viel Wertschöpfung in den Ländern zu lassen. Dadurch entstehen neue Arbeitsplätze und zusätzliche Einkommen entlang der gesamten Wertschöpfungskette.
Vor welchen Herausforderungen stehen die Unternehmen aktuell?
Marcus Schwenke: Die Rahmenbedingungen des Außenhandels haben sich grundlegend verändert. Die Unternehmen mussten innerhalb weniger Jahre eine Pandemie, den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, Störungen wichtiger Schifffahrtsrouten sowie stark schwankende Energie- und Transportkosten bewältigen. Zölle werden wieder verstärkt als politisches Druckmittel eingesetzt. Hinzu kommen Exportkontrollen, Sanktionen, lokale Wertschöpfungsvorgaben und immer komplexere Nachhaltigkeits- und Nachweispflichten.
Die entscheidende Veränderung ist deshalb: Unternehmen organisieren ihre Lieferketten nicht mehr ausschließlich nach dem günstigsten Preis. Versorgungssicherheit, politische Stabilität, Transparenz und die Verfügbarkeit alternativer Bezugsquellen sind mindestens ebenso wichtig geworden.
Diversifizierung ist heute eine betriebswirtschaftliche und wirtschaftspolitische Notwendigkeit. Unternehmen müssen neue Lieferanten und Beschaffungsmärkte erschließen, ohne bei Qualität, Verlässlichkeit oder Nachhaltigkeit Abstriche zu machen. Das ist der Hintergrund für die Entwicklung des Import Promotion Desk, an dessen Konzeption und Aufbau ich aufseiten des BGA mitwirken durfte.


Marcus Schwenke
Abteilungsleiter Außenhandelspolitik + Importförderung + Entwicklungszusammenarbeit + Projekte
Am Weidendamm 1 a, 10117 Berlin
030 59 00 99 594
marcus.schwenke@bga.de

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